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Meldung
Suchet den Frieden 100 Jahre deutsch-britische Friedensfahrt
Gottesdienst von ACK und Churches Together in Britain an Ireland (CTBI) beim Evangelischen Kirchentag, Bremen 2009, Himmelfahrtstag
Predigt des ACK-Vorsitzenden, Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber
Text: Jesaja 32,17
der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit wird ewige Stille und Sicherheit sein
Matth 5,9
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Liebe Schwestern und Brüder,
Der Anfang war gemacht, 1908 mit der ökumenischen Friedensfahrt der Deutschen nach England und Schottland und mit dem Gegenbesuch im folgenden Jahr. Der Anfang war gemacht, aber waren die Bemühungen nicht erfolglos? War die 1910 in Edingburg geschlossene British-German Friendship, war Friedrich Siegmund-Schultzes Einsatz für eine ökumenisch-erweckliche Frömmigkeit nicht vergebens?
Man kann das so sehen. 1914 brach der 1. Weltkrieg aus, Christen töteten Christen, auch die Kirchen diesseits und jenseits des Kanals beschuldigten sich gegenseitig der Kriegshetze. Von Friedens- und Versöhnungswillen war nichts mehr zu erkennen.
Aber es ist wie es ist: Neben den großen, unser Denken und viele Jahrzehnte auch die Einstellungen bestimmenden Geschichten gibt es auch die anderen. Sie erzählen davon, dass einzelne Menschen nicht nachgelassen haben, dem Wort Jesu zu folgen, das den Friedfertigen Seligkeit und Gotteskindschaft zuspricht.
Denn genau am 1.8.1914 – dem Tag des Kriegsausbruchs - begann die erste internationale ökumenisch besetzte Konferenz zur Förderung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Völkern in Konstanz mit einem Gebetsgottesdienst. 80 Delegierte aus 12 Nationen und 30 Konfessionen – fast die Hälfte der Angemeldeten – erreichten den Tagungsort. Freikirchler und Menschen aus den Landeskirchen. Hier wurde für den Frieden gebetet, Drumherum Mobilmachung und kriegerische Begeisterung. Dass sich Siegmund-Schultze und der englische Quäker Henry Hodgkins dann beim Abschied in die Hand versprachen, Krieg und Gewalt nicht zu rechtfertigen und sich nicht gegeneinander aufhetzen zu lassen, wurde im Kanonendonner und später in den mörderischen Kämpfen nicht mehr gehört, aber es blieb gesagt, es blieb als Verpflichtung und dies Versprechen und diese Verpflichtung erreicht auch uns, Christen im Jahre 2009, als Zeugnis von Christen in der Nachfolge ihres Herrn.
Ich bin denen, die 1908 zum ersten Mal auszogen, um ihren Glauben gemeinsam zu bezeugen, unendlich dankbar. Sie haben in einer Zeit nationalstaatlichen Denkens, das auch in Kirche und Theologie seinen Ort hatte, nach dem Frieden gefragt, der aus dem Glauben kommt und sich nicht auf eine Nation, ein Volk, eine Religion begrenzt.
Martin Luther King hat einmal gesagt: „Eine Religion, die ihre Sorge um das Seelenheil der Menschen bezeugt und sich nicht ebenso sorgt um die Slums. Die die Menschen verderben, die wirtschaftlichen Bedingungen, die sie erdrücken, und die sozialen Bedingungen, die sie zu Krüppeln machen, ist eine geistlich sterbende Religion.“ ( ÖR 1, 2009, 64)
Eine Religion, die nicht dem Frieden, der mehr ist als die Abwesenheit von Krieg, nachjagt, ist eine geistliche sterbende Religion.
Eine Religion, die nicht nach Gerechtigkeit – schon jetzt – sucht, ist eine geistlich sterbende Religion.
Gerechtigkeit und Frieden bedingen einander. Das eine gibt es nicht ohne das andere, denn „der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein.“
Gerechtigkeit, so wie sie die Bibel will, wie sie unser Glaube von uns einfordert, ist mehr als ein distanziertes Urteil, das Recht spricht. Gerechtigkeit kennt den Mehrwert für die Armen, für die ohne Recht. Gerechtigkeit, wie sie die Bibel versteht, kennt den Mehrwert des Erbarmens im Recht.
Es ist das biblische Recht des Erbarmens, von dem wir in der Kirche immer wieder Geschichten hören. Es kommt denen zugute, die von der Tagesordnung der Welt, dem Recht des Stärkeren, nur selten Gutes zu erwarten haben. Denen, deren Lebenswille gebrochen, deren Perspektive genommen, denen wird neues Lebensrecht zugesprochen.
Das Besondere dieses Rechtes lässt sich mit wenigen Worten beschreiben:
Es zielt darauf hin, dass Menschen aufhören zuungunsten der Schwachen, der Benachteiligten, der Witwen und Waisen, der Armen, der einfluss- und machtlosen Mitmenschen ihre eigenen Lebensverhältnisse zu verbessern. (Exodus 20,22-23,19 - Bundesbuch).
Und zwar soll dies nicht so geschehen, dass gewissermaßen Erbarmen vor Recht geschieht. Erbarmen und Recht gehören vielmehr zusammen, wie Gnade im Recht seinen Ort hat.
Das Erbarmen über die Mühseligen und Beladenen soll nicht etwas Besonderes, sondern das sicher Erwartbare sein.
Das Erbarmen soll fest in die Rechtspraxis eingespielt sein, denn sonst verdient die Gerechtigkeit, die in einem Land, einer Stadt, auch in der Kirche oder einer diakonischen Einrichtung praktiziert wird, nicht den Namen Gerechtigkeit.
Und zuletzt: wo das Erbarmen fehlt, wo es etwas Besonderes ist und nach Lust und Laune eben geschenkt oder verweigert wird, da verkommen auch das Recht und die Gotteserkenntnis.
Recht und Erbarmen gehören zusammen, wenn es Gerechtigkeit aus der Frieden kommt, geben soll. Das Recht des Stärkeren muss seine Zeit gehabt haben, es sind schon genug Menschen seinetwegen zerbrochen, ausgelöscht und zertreten worden.
Nun ist dies nicht nur ein Wort für solche Menschen, die soviel Kraft haben, aufzurichten und zu bewahren. Gerade die Hilflosen wissen um es. Sie spüren und ahnen, dass es Leben nur in dieser Verbindung von Recht und Erbarmen geben kann. Sie spüren und wissen, dass sie und all die Starken und Kräftigen zum gesegnetem Leben nur kommen können, wenn Gnade, wenn Erbarmen im Recht geschieht.
Menschen warten darauf, dass Gnade im Recht geschieht, Barmherzigkeit erwartbar ist und nicht das Besondere.
Der Prophet Jesaja (58,7) nimmt diesen Zusammenhang auf und macht unmissverständlich deutlich: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.“
Die alttestamentliche Weisheit und die Propheten sprechen von einer doppelten Gestalt der Gerechtigkeit: Sie „rührt an die Verpflichtung des Einzelnen, dem Armen sein Herz zu schenken und sie hat zugleich eine gesamtgesellschaftliche und strukturelle Komponente, denn „Gerechtigkeit erhöht ein Volk; aber die Sünde ist der Leute Verderben.“ (Sprüche 14,34) Wo Gerechtigkeit, die um das Erbarmen weiß, herrscht, da kann Frieden werden, da ist Frieden. Nicht nur Frieden der Herzen, so wichtig der ist, sondern auch in den Institutionen unserer Gesellschaft. Die friedensstiftende Aufgabe der Kirchen ist es dann, neue Räume der Beheimatung, der Solidarität und der Verantwortung schaffen. Letztendlich geht es darum ein Gemeinwesen zu fördern, damit es auch die sozial Schwachen tragen kann.
Vor diesem Hintergrund erinnere ich an den Berliner Pfarrer Harald Poelchau (1903-1972) und seine Schrift „Die Ordnung der Bedrängten“. Dort beschreibt er die bestimmende Linie seines Lebens. „Ich nenne sie das Bemühen um die Ordnung der Bedrängten. Damit ist nicht die karitative Haltung gemeint, der es auf liebevolle Fürsorge und Hilfe ankommt, nein, es geht wirklich um ihre Ordnung, um das
Rechts-, Verhaltens- und Lebensschema, das den Bedrängten eine glaubwürdige Ordnung zu bieten vermag.“
Mein Wunsch ist, dass eine „Ordnung für die Bedrängten“ geschaffen und erhalten wird, in der diese menschenwürdig leben können. Erbarmen sollen sie im Recht erfahren, aber nicht als Gabe zusätzliche Gabe, sondern als zur neuen Gerechtigkeit selbstverständlich gehörend.
Zuletzt:
Mich hat ungemein beeindruckt, dass in diesen Tagen Studierende der Universität Hamburg eine Friedenserklärung erarbeitet haben. Sie haben damit einen wunderbaren Beitrag zur Dekade zur Überwindung von Gewalt geleistet. Für sie ist Schalom mehr als die Abwesenheit von Krieg. Er ist gemeinschaftliches Leben in gerechten Beziehungen und steht für Ganzsein und Heilsein.
Ja, es geht um den gerechten Frieden. Auf diesen Frieden Gottes hoffen wir, ihn streben wir an und lassen uns von Gott zur Mitwirkung berufen, denn „Gott sieht uns auf der Seite der Opfer.“
Es bleibt dabei: „Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit wird ewige Stille und Sicherheit sein“ und „selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“
Amen
