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Ökumenische FriedensDekade gegen soziale Ausgrenzung
Unter dem diesjährigen Motto „… und raus bist du.“, das in Anlehnung an einen bekannten Abzählreim von Kindern gewählt wurde, sollen auch in diesem Jahr, vor allem in den zehn Tagen vor dem Buß- und Bettag (12.-22. November) in ganz Deutschland Gottesdienste und Veranstaltungen durchgeführt werden, die auf den Zusammenhang von Gerechtigkeit und Frieden hinweisen.
Die FriedensDekade, getragen von dem Gesprächsforum „Ökumenische FriedensDekade“, in dem die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) und viele Friedens-gruppen zusammenarbeiten, verweist mit dem spielerischen Reim „… und raus bist du.“ (Gal 3,26-28) und will deutlich machen, wie in Zeiten der Globalisierung, wo offenbar wirtschaft-liche Interessen allen anderen Werten und Normen übergeordnet scheinen, immer mehr Menschen aus sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhängen herausgerissen werden, auf die vielfältige Weise, z.T. brutal-sichtbar wie heimlich in unserer Gesellschaft ausgegrenzt, aussondert, entrechtet, diskriminiert, benachteiligt, erniedrigt, entwürdigt, gedemütigt und beschämt werden.
Doch alle diese „Rausgeworfenen“ und in ihrer menschlichen Würde Verletzten haben in unserer zunehmend „unfair spielenden Kontrastgesellschaft“ nur eine Chance, wenn sie mitmenschliche Verantwortung erfahren und realiter benediktinischen Geist spüren und wie Christus aufgenommen werden. Eine relativ friedvolle und gerechte Welt kann nur gelingen, wenn sich Menschen in kritischer Auseinandersetzung mit aller dominanten Unkultur der ständigen Rechtsvereinnahmungen, der Selbstverwirklichung, des Konkurrenzdenkens, des mehr Haben-müssens und Profitmachens auch an „Schwächeren“, „Ältere“ und und ausrichten; sie waren einmal stark und mitten im „Lebens-Spiel“. Sie haben Anspruch auf Achtung ihrer Lebensfähigkeit, Recht auf Gemeinschaft, Recht auf Erfahrung von Anerkennung, Geborgenheit, Gerechtigkeit, Versöhnung, Treue und Liebe, vor allem ein Recht auf Leben. Dies ist das elementarste Menschenrecht. Und diese werden heute getreten: legitim und öffentlich hingenommen. getreten.
In diesem Jahr hat Pfarrer Christian Führer von der Nikolai-Kirche in Leipzig die Schirmherrschaft für die FriedensDekade übernommen. Die Nikolai-Kirche und Pfarrer Führer wurden durch die Montagsdemonstrationen und Montagsgebete in Leipzig zur Zeiten der Wende bundesweit bekannt. In einem Interview, das auch in den Arbeitsmaterialien zur diesjährigen Dekade abgedruckt ist, beschreibt Pfarrer Führer, wie bedeutsam die FriedensDekade schon zu Zeiten der DDR für die Entwicklung der Protestbewegung gewesen ist. „Die FriedensDekade hat bei uns bereits 1981 bewirkt, dass wir die Türen geöffnet haben für die Rand- und Protestgruppen im Land. Seither finden täglich montags um 17.00 Uhr Friedensgebete in unserer Nikolai-Kirche statt.“
Die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) in Bonn und die Ökumenischen Centrale der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) mit Sitz in Frankfurt/M., die Trägerorganisationen der Ökumenischen FriedensDekade, bieten mit den gerade fertig gestellten Arbeitsmaterialien auch in diesem Jahr ein hilfreiches Informationsangebot für Kirchengemeinden, Schulen und Aktionsgruppen, um das Thema Frieden und Gerechtigkeit in das Bewusstsein der Menschen zu rücken.
Auf den neuen Internetseiten können sich interessierte Personen über die diesjährige thematische Schwerpunktsetzung unter http://www.friedensdekade.de/ informieren ober über den Verlag Knotenpunkt e.V. , Beller Weg 6, 56290 Buch/Hunsrück, Tel. 06762 – 22 61, material@friedensdekade.de Materialien bestellen.
... der Ball ist rund
„ … und raus bist du.“ - Das neue Motto der 27. Ökumenischen FriedensDekade vom 12.-22. November 2006
Inmitten des Spiel- und Fußballfiebers im kommenden Jahr ist uns ein Kinderreim wie „ene mene muh, und raus bist du. Und raus bist du noch lange nicht …“ ebenso geläufig wie die Aussage des einstigen Bundestrainers Sepp Herberger: „… der Ball ist rund …“ Doch diese spielerischen Platitüden haben oft einen tieferen hintergründigen Sinn. - Der „runde Ball“ hat wie die „Eine Welt“ eine Licht- und eine Schattenseite, die den Menschen vor Ort für sein Zusammenleben allzu deutlich auch Handlungsanweisungen, Spielregeln, Verhaltensweisen etc. vorgibt, die klar machen, dass an Ort und Stelle wie im Weltmaßstab fair gespielt werden soll, aber auch auf Situationen des unsolidarischen Handelns, des Ausgrenzens, des Foul-Spielens hinweisen. Für dumme Sprüche, Gewalt und radikale Unsportlichkeit gibt es die „Rote Karte“. Ein „Fairplay“ im menschlichen Zusammenleben, also im Alltag wie auf dem Sportfeld, kann nur gelingen, wenn menschliche Grundregeln ein-gehalten, die gemeinsamen Werte respektiert werden und die menschliche Würde gewahrt bleibt.
Das Motto der 27. Ökumenischen FriedensDekade „ … und raus bist du.“ hat zu-nächst eine sehr leichte und spielerische Aussage. Kinder denken ja weiter! Bald bin ich wieder im Spiel. Doch auf unsere menschliche Realität und Erfahrungswelt übertragen, löst dieser Reim Betroffenheit und eine bedrohliche Situation aus. Werden wir doch in der Realität nicht an „Potemkinsche Dörfer“ herangeführt, an Vorspiegelungen und Trugbilder, sondern an knallharte Endgültigkeiten bei uns und weltweit: Ein 60jähriger ist für den Arbeitsmarkt abgeschrieben, einem Straffälligen beleibt der Makel des „Gefängnisses“. Ausgrenzungen, Diskriminierungen, Unterdrückungen, Menschenrechtsverletzungen aller Art vermischen sich wie Seuchen unverhältnismäßig stark zu Lasten der Lebens- und Arbeitsbedingungen von immer mehr Menschen, vor allem von Frauen und Kindern, Kranken und Schwachen:
- mehr als fünf Millionen Arbeitslose, darunter viele „gemobbte“ Menschen,
- hunderttausende chancenlose Jugendliche, ohne Ausbildung, ohne Beruf … ,
- hunderttausende Obdachlose, millionen Kranke und vor allem abgeschobene „ältere Menschen“,
- zunehmende Verarmung vieler sozial schwacher Familien mit Kindern ohne Lebens- und Bildungsperspektiven, und vieles andere bei uns und weltweit:
- Menschenrechtsverletzungen bei den Adivasi in Indien, in China und anderswo,
- Folter, systematische Demütigungen, Erniedrigungen, bewusste Verletzungen des seelischen Zustandes an vielen Orten dieser Welt,
- weltweite Hungersnöte angesichts der Überproduktionen von Lebensmitteln mit Vernichtungsgarantien zur Erhaltung der Marktpreise,
- Flüchtlingsströme, Asylbewerber in Millionenhöhe,
- klassischer Rassismus wie Rassendiskriminierung, besonders bei Ureinwohnervölkern,
- weltweit zunehmende Rüstungsausgaben, Militarisierung vor allem der Dritten Welt mit einem todbringenden, herumliegenden Millionenpotential z.B. an Landminen und vieles andere.
Viele Ausgrenzungen verletzen die Würde des Menschen: Arbeitslosigkeit, Armut, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Hunger, menschenunwürdige Wohnungen. Viele Folgen der Schuldenkrise sowie Krieg und Militarismus u.a. treffen primär die Wehrlosen, die Schwachen, die Kranken, die Jüngsten und die Ältesten in unserem Land besonders hart.
Solche Ausgrenzungsmechanismen entwurzeln Familien, zwingen Kinder bei allem rechtlichen Schutz in kriminelle Verhältnisse, schaffen für viele Menschen eine Welt von Lebensfatalitäten, in der der Landlose wie der Arbeitslose, der Ungebildete wie der Analphabet, der allein gelassene alte Mensch wie der Obdachlose menschliche Verachtung, Diskriminierung, Unterdrückung, Abschiebung, Ausbeutung und Ausgrenzung erlebt. Sie erfahren in ihrer Hoffnungslosigkeit, dass ihr Leben ständig gefährdet und bedroht ist. Leben versteht sich nicht von selbst und geht nicht einfach so immer weiter. Wir sind nicht Eigentümer des Lebens, auch nicht des eigenen, sondern eher verantwortliche Treuhänder der lebendigen Schöpfung Gottes. Gott will, dass wir Menschen leben. Doch für immer mehr Menschen wird es ein bloßer Kampf, um zu überleben. Menschen sind die Opfer von Armut, Krankheit und Hunger, Ausgrenzung und Misshandlung, obgleich sie ein Recht auf Leben haben, ihre Würde unantastbar ist, „sie zu achten und zu schützen … Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ ist GG Art.1.1) und „das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“. (GG Art 1.2)
Beim intensiveren Nachdenken merken wir, dass die allgemein menschlichen, sozialen, kulturellen, religiösen, wirtschaftlichen und politischen Grundpositionen in unserer Gesellschaft vielfach ins Wanken gekommen sind und dass damit der Mensch bisweilen sich zunehmend selbst ausbeutet, ausgrenzt, entwürdigt und entmenschlicht. Wir leben alle in einer Gesellschaft, in der für jeden einzelnen in irgendeiner Beziehung mehr oder minder stark das „… und raus bist du.“ zutrifft. Für manchen erträglich. Doch für immer mehr Menschen ein radikaler und endgültiger Zustand, ohne Chance und ohne Neuanfang. Am intensivsten rausgeworfen sind diejenigen, die von vielen Dingen, Beziehungen, Situationen und Verhältnissen absolut ausgeschlossen sind, die keine Macht, kein Geld, keinen Besitz, keine Arbeit, keine große Lebenserwartung, keine menschliche Beziehung, keinen persönlichen Schutz, keine Lobby haben, auch keine Würde, Menschlichkeit und Lebenssinn erfahren. Und die meisten „Entwurzelten“ sind mehrfach Betroffene, die an der Gesellschaft, an der Politik, am Arbeitgeber, an der Familie, an der Kirche etc. verzweifeln. Sie können aus eigener Kraft nicht mehr „aufstehen“!
In der zugeordneten Schriftstelle (Gal 3,26-28) erfahren wir etwas über die Teilhabe am neuen Leben Jesu Christi durch die Taufe, die von Paulus vor allem als ein Hineingenommenwerden in Tod und Auferstehung Jesus Christi gesehen wird, indem die auf Christus Getauften sich Christus und sein Verhalten wie ein neues Gewand angelegt haben. Da wird nicht mehr unterschieden zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und Freien oder zwischen Männlichem und Weiblichem: „Durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle ‚ein’ neuer Mensch geworden.“ (Gal 3,28). Damit wird die Tagesordnung dieser Welt und unsere Lebenswirklichkeit neu geschrieben. Christus ist es, der die Menschen als Menschen sieht und begleitet, nicht nur äußerlich, vorübergehend, sondern er nimmt alle getauften Menschen bei sich auf, hebt die bestehenden, oft wesentlichen irdischen Unterschiede auf, überbietet alles Trennende und Abweichende, er vereint die „Ungleichen“ dieser Welt, gliedert sie ein in den Leib Christi, gestaltet sie um für die „neue Schöpfung“, gibt ihnen Anteil an seiner Gottessohnschaft, macht sie zu mündigen Söhnen und Töchtern Gottes und lässt sie teilhaben an Gottes Herrschaft und Reich. Wie der Mensch nur in der Gemeinschaft lebensfähig ist, so braucht auch der Christ durch die Taufe den bergenden und beschützenden Lebensraum im wiedergeborenen Leben. Dort wird es weder Reiche noch Arme geben, weder Kranke und Kerngesunde, weder Junge noch Alte, weder Ausbeuter noch Ausgebeutete, weder Freie noch Ausgegrenzte. Und Jesus wird auf die würdigsten Anwärter im Leben von Gottes Herrschaft zeigen und sie für „selig“ und „würdig“ halten: die Armen, die Besitzlosen, die Unterdrückten, die Machtlosen, die Kranken, die Obdachlosen, die Ungebildeten, die Hungernden, die Dürstenden, auf alle Entrechteten.
Die FriedensDekade, getragen von dem Gesprächsforum „Ökumenische FriedensDekade“, in dem die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) und viele Friedensgruppen zusammenarbeiten, verweist mit dem spielerischen Reim „… und raus bist du.“ (Gal 3,26-28) auf die vielfältigen Ausgrenzungen in unserer Gesellschaft, die Menschen aussondern, entrechten, benachteiligen, erniedrigen, entwürdigen, demütigen und beschämen. Doch alle diese Ausgrenzten und in ihrer menschlichen Würde Verletzten haben in unserer zunehmend „unfair spielenden Kontrastgesellschaft“ nur eine Chance, wenn sie mitmenschliche Verantwortung erfahren und benediktinischen Geist spüren und wie Christus aufgenommen werden. Eine Welt des Friedens und der Gerechtigkeit kann gelingen, wenn sich Menschen in kritischer Auseinandersetzung mit aller dominanten Unkultur der ständigen Rechtsvereinnahmungen, der Selbstverwirklichung, des Konkurrenzdenkens, des mehr Haben-müssens und Profitmachens auch an den „Schwächeren“ ausrichten; sie waren einmal stark und mitten im „Lebens-Spiel“. Sie haben Anspruch auf Achtung ihrer Lebensfähigkeit, Recht auf Gemeinschaft, Recht auf Erfahrung von Anerkennung, Geborgenheit, Gerechtigkeit, Versöhnung, Treue und Liebe, vor allem ein Recht auf Leben. Dies ist das elementarste Menschenrecht.
DDr. habil. J.Georg Schütz, 1.12.2005
