Bereit sein zum streitbaren Dialog: ACK feierte Schöpfungstag in Lübeck

Gottesdienst im Dom zu Lübeck

Der Gottesdienst zum Schöpfungstag wurde im Dom zu Lübeck gefeiert, Foto: ACK

(01.09.2017) Die Kirchen haben eine gemeinsame Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung und müssen sich für sie stark machen, betonte Gothart Magaard, Bischof im Sprengel Schleswig und Holstein der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche), in seiner Predigt bei der zentralen Feier des ökumenischen Tags der Schöpfung am 1. September im Dom zu Lübeck unter dem Motto „So weit Himmel und Erde ist“. Im Festakt warb Professorin Nicole C. Karafyllis vom Seminar für Philosophie an der Technischen Universität Braunschweig dafür, wieder eine ganzheitliche Sicht der Schöpfung einzunehmen und die Folgen der technischen Entwicklung einzudämmen.

Ökumenische Bewegung für die Schöpfung

„Am heutigen ökumenischen Tag der Schöpfung üben wir uns in ökumenischer Verbundenheit im gemeinsamen Hören auf das Lob Gottes. Und wir tun dies im Bewusstsein um unsere gemeinsame Verantwortung für die Bewahrung dieser Lebensvielfalt, die vielerorts bedroht ist“, sagte Bischof Magaard. Vor dieser Ausbeutung der Schöpfung verschließe die Bibel nicht die Augen: „Im Buch der Psalmen wird dem Lob ebenso Raum gegeben wie der Klage. Wir hören den Zorn im Angesicht himmelschreiender Ungerechtigkeit – und wir hören die Stimmen, die Vertrauen zum Ausdruck bringen, die dennoch an Gott festhalten. Die ihn ins Gebet nehmen und dabei behaften, dass er dieses Leben gewollt hat – und gegen aller Widersacher bewahren möge.“ Der christliche Schöpfungsglaube bekenne, dass alle Lebewesen Geschöpfe Gottes sind. „Durch diesen gemeinsamen Ursprung sind wir in besonderer Weise miteinander verbunden. Das bedeutet, dass diese Welt Zukunft hat. Sie ist ausgerichtet auf einen Gott, der Leben schenkt und vollendet“, sagte der Bischof. Er hoffe darauf, dass aus diesem Glauben heraus ein ökumenischer Geist den verhärteten Strukturen Bewegung verschaffe. Diese ökumenische Bewegung müsse „bereit sein zum streitbaren Dialog, wo Schweigen leichter wäre. Bereit, die Worte Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung mit Leben zu füllen, in der Hoffnung auf Gottes inspirierendes, befreiendes Wirken!“

Eine ganzheitliche Sicht der Schöpfung einüben 

In dem sich an den Gottesdienst anschließenden Festakt in der Propsteikirche Herz Jesu kritisierte Professorin Nicole C. Karafyllis von der Universität Braunschweig eine rein technisch-naturwissenschaftliche Sicht der Schöpfung. Die Schöpfung sei ein ganzheitliches Gebilde, das mit verschiedenen Sinnen und unterschiedlichen Sichtweisen wahrgenommen werden müsse. „Die Schöpfung Gottes bewirkt Einheit in der Vielfalt. Die Welt ist nicht zählfähig, sie ist nicht absolut berechenbar“, sagte die Biologin und Philosophin in ihrem Festvortrag. Die Schöpfung könne nicht in ihre Einzelteile zerlegt werden, sie sei „ein Ganzes von Wesenheiten“. Daher greife auch die Betonung einer notwendig zu erhaltenden „Biodiversität“ zu kurz, da damit die Menschen, Sterne, Planeten, Gebirge und vieles mehr gar nicht erfasst seien. Der Mensch befinde sich nicht außerhalb der Schöpfung, sondern müsse sich wieder mehr als Teil von ihr verstehen. Dies bringe auch eine besondere Verantwortung mit sich. Dies könne sich aber nicht darin auswirken, „Biobanken“ mit Saatgut bedrohter Arten anzulegen. „Außerhalb der Biobank werden die Lebensräume von Tieren, Pflanzen und auch Menschen immer weiter degradiert und zerstört“, warnte Karafyllis. Statt selten gewordene Pflanzen und Tiere zu konservieren, sollte der Mensch nun lieber alles daran setzen, ihnen wieder einen natürlichen Lebensraum zu schaffen. 

ACK Schleswig-Holstein und ACK Lübeck bereiteten Gottesdient vor

Im Gottesdienst im Dom zu Lübeck wirkten neben dem Vorsitzenden der ACK, Bischof Karl-Heinz Wiesemann (Speyer) sowie Erzpriester Constantin Miron und Bischöfin Rosemarie Wenner aus dem Vorstand der ACK auch Pastor Martin Haasler (Vorsitzender der ACK Schleswig-Holstein), Pröpstin Petra Kallies (Vorsitzende der ACK Lübeck) und Pastor Martin Klatt (Dompfarrer) mit. Musikalisch wurden der Gottesdienst und der Festakt von Domkantor Professor Hartmut Rohmeyer, einem Bezirksbläserchor unter Leitung von Reinhard Lettau, dem Flötenensemble Muscari und dem Kirchenchor „Zion“ der koreanischen Christengemeinde Uri e.V. umrahmt.

Ökumenischer Tag der Schöpfung kommt aus der Orthodoxen Kirche

Seit dem Jahr 2010 feiert die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Deutschland jährlich einen Ökumenischen Tag der Schöpfung. Er geht auf eine Anregung des damaligen Ökumenischen Patriarchen Dimitrios I. zurück, einmal im Jahr „gemeinsam zum Schöpfer zu beten“. Dieser Tag wird bundesweit begangen und regt dazu an, das Lob des Schöpfers ökumenisch anzustimmen und gleichzeitig die eigenen Aufgaben für die Bewahrung der Schöpfung in den Blick zu nehmen. Bischof Karl-Heinz Wiesemann rief dazu auf, sich durch diesen Tag an die je eigene Verantwortung für die Schöpfung erinnern zu lassen. Wer heute nicht an morgen denke, versündige sich an den kommenden Generationen. Es brauche ein Bewusstsein, das Schöpfung und Ökologie nicht als Themen von gestern abtue, sondern ihnen höchste Aktualität verleihe. Wiesemann betonte zudem, dass in diesem Jahr der von Papst Franziskus ausgerufene weitweite Gebetstag für die Bewahrung der Schöpfung mit dem ökumenischen Tag der Schöpfung zusammenfiel. Dadurch könne das gemeinsame Anliegen auch international noch deutlicher gemacht werden.

Vortrag Prof. Dr. Nicole Karafyllis