„Wir überfordern uns nicht" - Uwe Swarat über die Arbeit des DÖSTA

Prof. Dr. Uwe Swarat

Der baptistische Theologe Prof. Dr. Uwe Swarat (Theologische Hochschule Elstal) war von 2006 bis 2015 Vorsitzender des DÖSTA, Foto: ACK

(06.09.2016) Der Deutsche Ökumenische Studienausschuss (DÖSTA) der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) ist über theologische Fachkreise hinaus wenig bekannt. Im Interview von KNA-ÖKI stellt der langjährige Vorsitzende des Gremiums, der baptistische Theologe Uwe Swarat (Theologische Hochschule Elstal), dessen Arbeit und ihre Ergebnisse vor.

KNA Herr Professor Swarat, Sie waren neun Jahre, von 2006 bis 2015, Vorsitzender des DÖSTA, der in Verbindung mit der ACK seit 1950 tätig ist. Trotz einer im Jahre 2000 publizierten „Chronik der ersten fünf Jahrzehnte" ist der DÖSTA wenig bekannt. Stellen Sie uns seine heutige Gestalt und Arbeitsweise bitte kurz vor.

Swarat Der DÖSTA ist der theologische Ausschuss der ACK Deutschlands. Er hat 23 Mitglieder, von denen sieben aus der römisch-katholischen Kirche kommen, sieben aus der EKD und die übrigen neun aus verschiedenen anderen Kirchen. Berufen werden sie von der ACK-Mitgliederversammlung, und zwar für sechs Jahre, mit der Möglichkeit der Verlängerung. Der zweiköpfige Vorstand wird vom DÖSTA für jeweils drei Jahre gewählt. Die Hauptaufgabe des DÖSTA ist es, Studien und Stellungnahmen auf den Gebieten ökumenisch-theologischer Wissenschaft und Praxis zu erstellen.

KNA Der Ausschuss ist das einzige offizielle Gremium, in dem theologische Fragen über alle Konfessionsgrenzen hinweg auf hohem Niveau diskutiert werden. Gibt es da gelegentlich auch menschliche oder inhaltliche Spannungen?

Swarat Dass Spannungen entstehen, ist in einem solchen Gremium nur natürlich. Sie sind, solange ich dabei bin, aber nie zu ernsten Konflikten geworden. Im DÖSTA herrscht ein Geist des Zuhörens, des Verstehenwollens und Voneinanderlernens. Wir sind berufen, um konstruktiv zusammenzuarbeiten, und wir sind dazu auch gewillt.

KNA Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Swarat Was im DÖSTA geschieht, bleibt unter uns.

KNA Die Tagungen des DÖSTA sind also nicht öffentlich?

Swarat In der Tat. Wenn Theologen aus so vielen verschiedenen Kirchen einen gemeinsamen Text erstellen wollen, müssen sie vertraulich diskutieren können. Erst die Ergebnisse werden veröffentlicht. In den ersten Jahrzehnten hat der DÖSTA allerdings allzu sehr im Verborgenen gearbeitet. Mir war es deshalb wichtig, auch öffentliche Tagungen durchzuführen. Die erste fand 2010 aus Anlass unseres 60-jährigen Bestehens an der Universität Münster statt. Aus ihr ist das Buch „Gemeinsame Hoffnung über den Tod hinaus" entstanden. Die zweite öffentliche Tagung haben wir im April 2015 in Kooperation mit der Katholischen und der Evangelischen Akademie in Bayern und den drei Theologischen Fakultäten der Münchner Universität veranstaltet. Es ging um „500 Jahre Reformation – vielseitig und ökumenisch betrachtet". Das Resultat ist im März ebenfalls in Buchform erschienen.

KNA Gibt es auch Fragen, die man als „heiße Eisen" lieber nicht anfasst?

Swarat Der DÖSTA hat keine Angst, sich theologisch „die Finger zu verbrennen". Wenn wir zu einer gemeinsamen Überzeugung gekommen sind, dann äußern wir die auch. Wir überfordern einander aber auch nicht, denn unser Ziel ist ja ein wachsender Konsens zwischen den Kirchen und ihren Theologen.

KNA Worin sehen Sie die besondere Aufgabe des DÖSTA?

Swarat Das spezielle Profil des DÖSTA besteht in seiner konfessionellen Vielfalt. Ökumene in Deutschland besteht nicht nur in der Zusammenarbeit zwischen der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der EKD, sondern schließt die evangelischen Freikirchen, die ostkirchliche Orthodoxie, Altlutheraner und Altkatholiken mit ein.

KNA Der DÖSTA publiziert von Zeit zu Zeit die Ergebnisse seiner Studienarbeit. Welches Thema ist zuletzt auf diese Weise öffentlich geworden?

Swarat Von 2006 bis 2009 haben wir uns dem Studienprojekt „Traditionsbildung, -bindung, -fortschreibung und -kritik" gewidmet. Die daraus entstandene Studie und das Vorbereitungsmaterial wurden 2010 als Beiheft zur „Ökumenischen Rundschau" veröffentlicht unter dem Titel „Tradition in den Kirchen". Anschließend, von 2009 bis 2015, stand unser Studienprojekt unter dem Thema „Die Frage nach Gott heute". Die Ergebnisse sollen als Buch im Herbst erscheinen.

KNA Werden die Ergebnisse den Kirchen übermittelt und gibt es Reaktionen, vielleicht Stellungnahmen oder Kritik? Oder werden die Ergebnisse lediglich der Mitgliederversammlung der ACK vorgestellt?

Swarat Wie schon gesagt, werden die Ergebnisse unserer Studien als Bücher veröffentlicht. Sie sind also für jeden Interessierten zugänglich. Bei der Traditionsstudie war es zusätzlich so, dass zwei Jahre nach ihrem Erscheinen, also im Herbst 2012, ein Studientag der ACK durchgeführt wurde, der ihre Ergebnisse diskutierte. Dabei kamen Stimmen aus den verschiedenen Konfessionsfamilien zu Wort, die sich zur Studie positionierten und ihre eigene Sicht auf die kirchliche Tradition entfalteten. Dieser Studientag ist in einer Broschüre dokumentiert, die im Internetshop der ACK bestellt werden kann.

KNA Und wie ist das umgekehrt? Trägt diese oder jene Mitgliedskirche der ACK Bitten und Wünsche an den DÖSTA heran?

Swarat Der DÖSTA ist eine Kommission der ACK und erhält seine Anregungen von der Mitgliederversammlung der ACK. Dort berichtet der Vorsitzende auch regelmäßig über die Arbeit.

KNA Es ist natürlich auch interessant zu erfahren, ob der Ausschuss über die mitarbeitenden Professoren hinaus auch Kontakte zu den Theologischen Fakultäten und Hochschulen hat oder vielleicht längerfristig im Sinne einer Kooperation in der Bearbeitung von Anliegen unterhält.

Swarat Die besten Kontakte des DÖSTA zu Theologischen Fakultäten und Hochschulen kommen natürlich durch die Personen zustande, die beiden Seiten angehören. Darüber hinaus hat der DÖSTA bei seinen zwei öffentlichen Tagungen mit den Fakultäten vor Ort offiziell kooperiert.

KNA Hat die Arbeit der mit dem ÖRK verbundenen Abteilung von Faith and Order eine Bedeutung für den DÖSTA?

Swarat Wir freuen uns sehr, dass Dagmar Heller, Exekutivsekretärin von Faith and Order und Academic Dean des Ökumenischen Instituts Bossey (Schweiz), ständiger Gast im DÖSTA ist. Außerdem gehören zwei DÖSTA-Mitglieder zur Faith and Order Commission. Sie berichten uns regelmäßig von ihrer Tätigkeit dort.

KNA ... oder der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen in Rom?

Swarat Mein Nachfolger im Vorsitz, Thomas Söding aus Bochum, war bis 2014 Mitglied der Internationalen Theologischen Kommission im Vatikan und hat als Experte an drei Weltbischofssynoden teilgenommen.

KNA Spielen bei der breiten Zusammensetzung des DÖSTA auch Fragen eine Rolle, wie sie jetzt gerade wieder in der evangelikalen Kritik an der Haltung der EKD in ethischen Fragen aufgebrochen sind?

Swarat Der DÖSTA mischt sich nicht in Diskussionen ein, die innerhalb einer Mitgliedskirche geführt werden. Er versucht sich auch weniger mit dem Dringenden als mit dem Wichtigen zu befassen, das heißt mit längerfristigen Themen.

Literaturhinweis:

Erich Geldbach, Der Deutsche Ökumenische Studienausschuss (DÖSTA). Chronik der ersten fünf Jahrzehnte, Frankfurt/M.-Paderborn 2010.

(c) Katholische Nachrichtenagentur