Ökumenischer Dialog über die Kirche: Ökumenischer Rat Finnland und ACK trafen sich in Frankfurt

Vertreterinnen und Vertreter des Ökumenischen Rates Finnland, der ACK in Deutschland, der ACK Hessen-Rheinhessen und der ACK Frankfurt in der griechisch-orthodoxen Kirche Prophet Elias in Frankfurt, Foto: ACK

(02.11.2018) Vertreter des Finnischen Ökumenischen Rates waren vom 29. bis 30. Oktober 2018 zu Gast in Frankfurt, um die theologischen Gespräche mit dem Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) fortzusetzen, die 2015 in Helsinki begonnen hatten. Damals stand das Thema Taufe im Mittelpunkt, wobei die finnischen Vertreter besonders an den Erfahrungen interessiert waren, die man in Deutschland mit der Erklärung der wechselseitigen Taufanerkennung gemacht hat. (Die Erklärung wurde im Jahr 2007 von elf der damals 16 Mitgliedskirchen der ACK unterschrieben.) Bei den Gesprächen in Helsinki zeigte sich, dass viele der mit Taufe und Taufanerkennung zusammenhängenden Fragen letztlich nur auf der Basis einer Verständigung über die Ekklesiologie beantwortet werden können. Es war deshalb folgerichtig, dass das Verständnis der Kirche im Mittelpunkt des Treffens in Frankfurt stand.

Austausch über ökumenische Situation

Eröffnet wurde das Treffen mit einem Austausch über die ökumenische Situation in Finnland und Deutschland. Zwischen beiden Ländern gibt es signifikante Unterschiede; so hat Finnland z.B. ca. 5,5 Millionen Einwohner, während Deutschland gut 82 Millionen Einwohner zählt. In Finnland gehört der weitaus größte Teil der Bevölkerung der evangelisch-lutherischen Kirche an, die mit weitem Abstand die Mehrheitskirche ist, während in Deutschland die evangelische und die katholische Kirche ungefähr gleich groß sind, ein gutes Drittel der Bevölkerung allerdings gar keiner Kirche angehört. Die Evangelisch-Lutherische Kirche von Finnland pflegt bilaterale Dialoge mit mehreren anderen Kirchen, in Deutschland ist die ökumenische Landschaft stark von der Zusammenarbeit zwischen den beiden großen Kirchen geprägt. Es lassen sich aber auch Gemeinsamkeiten beobachten. So hat man in beiden Ländern einen nationalen Kirchenrat geschaffen (1917 den Finnischen Ökumenischen Rat, 1948 die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland), um der multilateralen ökumenischen Zusammenarbeit eine verlässliche Struktur zu geben. Für die Kirchen beider Länder spielt die Charta Oecumenica eine wichtige Rolle. In Deutschland wurde sie von den Leitungen der Mitgliedskirchen der ACK im Jahr 2003 auf den 1. Ökumenischen Kirchentag feierlich unterzeichnet. In Finnland wurde als Ergebnis der Auseinandersetzung mit der Charta Oecumenica eine kurze Erklärung mit dem Titel „Ekumenian Hyvät Tavat“ verabschiedet. Diese Erklärung, in der es um „gute Umgangsformen“ in der Ökumene geht, soll in nächster Zeit ins Englische übersetzt werden, damit sie auch über den skandinavischen Sprachraum hinaus gelesen werden kann. In den Jahren nach dem ersten Treffen in Helsinki hat sich der Finnische Ökumenische Rat weiter mit dem Thema Taufanerkennung befasst. Dieser Prozess wird voraussichtlich mit der Erklärung einer wechselseitigen Verpflichtung abgeschlossen werden.

Beiträge der Dialoge für die Ökumene

Die Kirchen Finnlands, insbesondere die Evangelisch-Lutherische Kirche von Finnland, sind seit vielen Jahren an ökumenischen Dialogen über die Ekklesiologie beteiligt, die über Finnland hinaus für die internationale Ökumene von großer Relevanz sind. Hierzu gehört vor allem die Erklärung von Porvoo, mit der die britischen und irischen anglikanischen Kirchen sowie die nordischen und baltischen lutherischen Kirchen Kirchengemeinschaft erklären. An diese Erklärung wurde während des Treffens in Frankfurt erinnert, und die finnischen Gesprächspartner erläuterten, wie sich die Gemeinschaft zwischen den beteiligten Kirchen seit der Unterzeichnung im Jahr 1992 weiterentwickelt hat. Die Erklärung selbst weist mit einer Reihe von Verpflichtungen darauf hin, welche Folgen die theologische Übereinkunft für die Praxis der Kirchen haben sollte. Den hier vorgezeichneten Weg sind die Unterzeichnerkirchen gegangen, und wenngleich sie keine gemeinsame Struktur der Zusammenarbeit gebildet haben (vergleichbar z.B. der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa), lässt sich nach Aussagen der Finnen beobachten, dass die Erklärung von Porvoo die Gemeinschaft zwischen den beteiligten Kirchen vertieft hat. Als Problem wurde benannt, dass es bislang nicht gelungen ist, Verfahren für die gemeinsame Entscheidungsfindung zu etablieren – hier begegnet man also einer Herausforderung, vor der die Ökumene auch in anderen Zusammenhängen steht.

Finnisches Dialogdokument über Kirche, Eucharistie und Amt

Ein aktueller Beitrag aus Finnland zur ökumenischen Diskussion über die Kirche ist das Dokument „Communion in Growth. Declaration on the Church, Eucharist, and Ministry“, das die Evangelisch-Lutherische Kirche von Finnland und die römisch-katholische Kirche erarbeitet haben. An diesem nationalen Dialog waren auch Vertreter des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen beteiligt, und die Ergebnisse des Dialogs in Finnland werden in die weitere Arbeit der internationalen evangelisch-lutherischen/römisch-katholischen Dialogkommission einfließen. Das Dokument enthält wegweisende gemeinsame Aussagen zum Verständnis der Kirche, der Eucharistie und des geistlichen Amtes, die, wenn sie von beiden Kirchen rezipiert würden, einen deutlichen Fortschritt im Verhältnis zwischen römisch-katholischer und evangelisch-lutherischer Kirche markieren würden. Dieses Dokument wurde während des Treffens in Frankfurt vorgestellt, und die folgende Diskussion zeigte, dass es in Deutschland voraussichtlich kontroverse Debatten auslösen wird. Eine evangelische theologische Tradition, die die Kirche und ihre Einheit als etwas betrachtet, das sich im Gebrauch der Bibel als Heiliger Schrift ereignet, wird Schwierigkeiten damit haben, wenn finnische Lutheraner zusammen mit ihren katholischen Dialogpartnern formulieren, das ordinationsgebundene Amt sei für das Wesen der Kirche konstitutiv (Nr. 330).

Ekklesiologie bleibt wichtiges Thema

Einigkeit herrschte bei dem Treffen zwischen dem Finnischen Ökumenischen Rat und der ACK darüber, dass bei dem Dialog über die Ekklesiologie auf keinen Fall aus dem Blick geraten darf, dass die Kirche kein Selbstzweck ist, sondern eine Aufgabe in der Welt hat. Die Welt aber befindet sich heute in einem raschen Wandel, den die Kirchen wahrnehmen müssen und aus dem ihnen Herausforderungen erwachsen, die sie besser gemeinsam bewältigen können. Säkularisierung und religiöse Pluralisierung sowie die Herausforderungen durch den Klimawandel und neue Tendenzen zur Abschottung sowohl innerhalb als auch zwischen Gesellschaften wurden in diesem Zusammenhang genannt. Die Auseinandersetzung der Kirchen hiermit hat bereits begonnen. Ebenso versuchen die Kirchen, sich im Blick auf die gesellschaftlichen Probleme gemeinsam zu engagieren. So hat die ACK z.B. den ökumenischen Tag der Schöpfung ausgerufen, um einen gemeinsamen Beitrag zum Schutz der Schöpfung zu leisten, und sie trägt das Projekt „Weißt du, wer ich bin?“ mit, dessen Ziel es ist, Begegnung und Dialog zwischen Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit zu fördern und auf diesem Weg zum Abbau von Vorurteilen und Abgrenzung beizutragen.

3. Ökumenischer Kirchentag im Blick

Die intensive und fruchtbare Diskussion sowie der Ausblick auf unbewältigte Herausforderungen der Zukunft bewegten die Gesprächsteilnehmer dazu, eine Fortsetzung der gemeinsamen Arbeit ins Auge zu fassen. So böte z.B. der 3. Ökumenische Kirchentag 2021 in Frankfurt eine Möglichkeit, das Gespräch zwischen dem Finnischen Ökumenischen Rat und der ACK einer größeren Öffentlichkeit nahezubringen. Ob dies zu realisieren ist, wird auf deutscher Seite der im Frühjahr nächsten Jahres neu zu wählende Vorstand der ACK zu entscheiden haben.

An dem Treffen nahmen teil: aus Finnland: Pfarrerin Dr. Mari-Anna Auvinen (ev.-luth.), Pfarrer Dr. Tomi Karttunen (ev.-luth.), Pfarrer Dr. Toan Tri Nguyen (röm.-kath.), Dr. Eeva Raunistola-Juutinen (orth.), Bischof Dr. Matti Repo (ev.-luth.), Pfarrer Tuomas Mäkipää (anglik.) war erkrankt und reichte seinen Vortrag in schriftlicher Form ein; aus Deutschland: Dr. Elisabeth Dieckmann (röm.-kath.), Pfarrer Christopher Easthill (anglik.), Bischof Prof. Dr. Martin Hein (EKD), Erzpriester Radu Constantin Miron (orth.), Prof. Dr. Johanna Rahner (röm.-kath.), Bischöfin em. Rosemarie Wenner (ev.-meth.), Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann (röm.-kath.).

Hier finden Sie die Vorträge der Konsultation:

Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann: Gesellschaftlicher Veränderungen als Herausforderung und Chance für die Ökumene

Bischof Prof. Dr. Martin Hein: Ökumene nach 2017 - Ekklesiologie und sichtbare Einheit der Kirche

Rev. Dr. Tomi Karttunen: Communion in Growth: Declaration on the Church, Eucharist, and Ministry – The Main Results and Their Ecumenical Potential: A Lutheran Perspective

Rev. Dr. Toan Tri Nguyen: The Finnish Experience: Communion in Growth. Declaration on the Church, Eucharist and Ministry from the Catholic Perspective

Bischöfin em. Rosemarie Wenner: Communion in Growth: Response from a German Free Church Perspective

Rev. Christopher Easthill: Recognition of baptism: Response from a Anglican Perspective

Rev. Tuomi Mäkipää: Reciprocal Recognition of Baptism

 

Text: Dr. Elisabeth Dieckmann