Frau Schäfer und Frau Soukrat, Sie sind das neue WDWIB-Team, mögen Sie sich kurz vorstellen?
Laura Schäfer: Hallo zusammen, ich bin Laura Schäfer. Seit einem Jahr promoviere ich zu christlich-islamischem Dialog in der Kirchengeschichte in Leipzig, davor habe ich Evangelische Theologie in Ewersbach und Marburg studiert. Über die Geschichte bin ich auch ehrenamtlich zum interreligiösen Dialog gekommen, da mich inhaltlich besonders der Umgang mit denen, die als religiös anders wahrgenommen werden, fasziniert und irritiert hat. Interreligiösen Dialog in der Praxis mitzuerleben war dann für mich der nächste Schritt auf der Suche nach Wegen zu einem gerechteren Miteinander in der Zukunft und im Heute. Ich mag am Dialog, dass da Menschen zusammenkommen, die von religiöser Unterschiedlichkeit Positives erwarten und gemeinsam nach Antworten auf Herausforderungen suchen, die die Communities betreffen und bewegen. Dabei lernt man sich und andere ständig neu kennen.
Oumaima Soukrat: Hey, mein Name ist Oumaima Soukrat (ausgesprochen wird es Umayma Sukrat), ich habe marokkanische Wurzeln und bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. An der Eberhard Karls Universität in Tübingen habe ich den Bachelor of Education in den Fächern Islamische Religionslehre und Englisch erfolgreich beendet. Für 2026 steht noch der Abschluss des Master of Education in den Fächern Islamische Religionslehre, Englisch und Erziehungswissenschaften auf meinem Plan, dementsprechend freue ich mich also sehr über alle Bittgebete und gedrückte Daumen (DANKE!). Neben dem Studium habe ich in den letzten Jahren hauptsächlich in der politischen und religiösen Bildungsarbeit mit den Schwerpunkten Antidiskriminierung, Empowerment, interreligiösem Dialog und Demokratieförderung gearbeitet. Dank meines ehrenamtlichen Engagements und vergangenen Arbeitsstellen habe ich sowohl selbst viele Projekte erfolgreich durchgeführt als auch Projekte auf ihre Förderfähigkeit bewertet. Ich hoffe, dass ich diese Erfahrungen vor allem in der Beratung einbringen kann und freue mich schon sehr, die vielen aktiven Personen hinter den Projektanträgen kennenzulernen.
Frau Soukrat, Sie sind selbst Muslimin. Wie ist es als Muslimin bei der ACK tätig zu sein und welche Tradition bringen Sie mit?
Oumaima Soukrat: Es ist doch schon etwas Neues für mich und ich erweitere gefühlt wöchentlich mein Wissen. Bei der ACK tätig zu sein, bietet mir Einblicke in die ökumenische Zusammenarbeit und in die verschiedenen Referate, die ich so noch nicht hatte. Es freut mich sehr, dass wir den interreligiösen Dialog nicht nur ins kleine WDWIB-Projektteam, sondern auch in den Alltag der Ökumenischen Centrale einbringen, damit leben wir in meinen Augen die Charta Oecumenica ein Stück weit vor. Hoffentlich, lade ich meine Kolleg*innen nicht nur jährlich zu einem gemeinsamen Fastenbrechen ein, sondern gewähre so wie sie auch mir mit der Zeit weitere Einblicke in meine Glaubenspraxis und durch mein Netzwerk auch noch tiefere Einblicke in die Vielfalt der muslimischen Communities.
Mit bringe ich mehrheitlich die sunnitische Tradition, aber aufgewachsen bin ich in einer kleinen multikulturellen Moscheegemeinde, die von Sunniten und Schiiten gemeinsam gegründet wurde und mich stark geprägt hat. Aus meinen religiösen Überzeugungen heraus versuche ich in meiner Arbeit stets Reflexion und Austausch zu fördern, Ungleichheitsideologien zu entkräften und die Lebensqualität in unserem Land zu verbessern. Als Muslimin steht lebenslanges Lernen und Verantwortung übernehmen für die eigenen Intentionen und Handlungen aber auch zum Wohle der Gesellschaft und Umwelt im Fokus. Dabei soll man sich nicht verausgaben, sondern zusammenarbeiten, Verantwortungen teilen und aus Fehlern lernen. Der Fokus im Leben liegt auf positiven Intentionen und Nachhaltigkeit, nicht auf spektakulären aber kräftezehrenden und einmaligen Handlungen. Ich hoffe, dass ich diese Überzeugungen auch im Projekt einbringen kann, denn mir ist es sehr wichtig, dass der Dialog vor Ort nicht nur etabliert wird, sondern auch tiefe und gesunde Wurzeln schlagen kann.
Und Sie, Frau Schäfer, haben Sie auch einen religiösen Hintergrund, den Sie in das Projekt einbringen?
Laura Schäfer: Ich bin in einer Freien evangelischen Gemeinde in Berlin aufgewachsen und auf eine landeskirchliche Schule gegangen. Drei Dinge, die ich aus meiner freikirchlichen Prägung in das Projekt mitbringe, sind: 1. Ein Bild von einem Gott der persönlichen, bedingungslosen Liebe für diese Welt, also soll auch alles, was ich tue, von dieser Liebe inspiriert sein. 2. Die Frage an das Gewissen, ob Glaube und Taten zusammenpassen – also sich selbst auch kritisch hinterfragen zu lassen, und zuletzt: 3. Die positive Grunderfahrung, dass das Engagement jedes*r Einzelnen zählt. Bei „Weißt du, wer ich bin?“ entwickeln Menschen aus ihrem Glauben heraus praktische Beiträge zu mehr Frieden in unserer Gesellschaft – für mich passt das genau zu diesen drei Dingen. Solche Projekte fördern und begleiten zu dürfen, ist ein Privileg. Außerdem arbeiten wir an den Rahmenstrukturen des Projekts, um diese Initiativen noch sichtbarer zu machen. Es ist so schön zu sehen, was da entsteht – ich möchte, dass das noch mehr Menschen miterleben.
Mögen Sie ein besonders schönes Erlebnis aus Ihrem bisherigen Leben mit uns teilen, wo Sie sagen würden: Ja, da hat der interreligiöse Austausch gut geklappt?
Oumaima Soukrat: Da kommen uns bestimmt einige Erlebnisse in den Sinn aber mein schönstes Erlebnis des letzten Jahres muss wohl die interreligiöse Studienwoche sein, bei der wir (meine Kollegin und ich) uns Anfang Oktober 2025 kennengelernt haben. Dort kamen ca. 25 (angehende) Theolog*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im wunderschönen Allgäu für ein volles Programm zusammen. Solche Wochen geben mir immer wieder Hoffnung, dass der interreligiöse Dialog Früchte trägt und auf Augenhöhe stattfinden kann. Zu dem Zeitpunkt haben wir nicht geahnt, dass wir nur wenige Monate später bei WDWIB zusammenarbeiten würden, aber wir haben uns schon da gut verstanden und geplant in Kontakt zu bleiben. An unserem ersten Arbeitstag im Dezember hatte ich deinen Namen dann zwar schon ein paar Mal gehört, aber überhaupt nicht daran gedacht, dass wir uns schon kennen könnten. Wie bei jeder neuen Arbeitsstelle war ich also absolut aufgeregt, als ich jedoch reinkam und dich in unserem Büro stehen sah, ist mir ein Stein von den Schultern gefallen und ich habe innerlich Luftsprünge gemacht.
Laura Schäfer: Ja genau, das war total die schöne Überraschung. Ich hatte schon überlegt, wann wir uns zum Telefonieren verabreden können, weil die Studienwoche nicht gereicht hat, um genug von dir zu hören. Ich fand es so spannend, was du dort über deine bisherige Dialogerfahrung erzählt hast, aber die Zeit war so schnell rum. Und dann war der erste Arbeitstag gekommen und auf einmal standest du in der Bürotür! Ich freu mich einfach sehr, dass wir mehr Zeit bekommen haben und den Dialog jetzt im Büroalltag weiterführen können.
Welche Vision haben Sie für die bevorstehende neue Projektphase von WDWIB und worauf freuen Sie sich besonders?
Laura Schäfer: Der Schwerpunkt der neuen Projektphase liegt auf dem Einsatz gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in religiösen Kontexten und auf der Förderung interkultureller Theologie. Ich freue mich besonders auf die neuen Projekte und Menschen, die wir dazu in den nächsten Jahren kennenlernen. Als Projektbüro bekommen wir regelmäßig Einblicke in den ganzen Weg der Projekte von der Anfangsidee bis zur Durchführung und Abschlussreflexion, das ist total spannend zu verfolgen. Mir ist es ein Anliegen, diese Menschen und ihre Ideen über „Weißt du, wer ich bin?“ mit noch mehr Leuten in Kontakt zu bringen. Obwohl interreligiöser Dialog schon an so vielen Orten stattfindet, haben viele Menschen noch keine Berührungspunkte damit. Es geht also darum, gute und etablierte Dialogansätze, wie wir sie fördern, bekannter zu machen und die interreligiösen Netzwerke auszubauen.
Oumaima Soukrat: Da wir in den letzten Wochen bereits über unsere Visionen für das Projekt gesprochen haben, kann ich dir da nur vollkommen zustimmen. Ich freu mich sehr auf die ganz verschiedenen Projektanträge und die Erweiterung unseres Netzwerkes. Ich hoffe, wir können WDWIB noch bekannter machen und dazu beitragen, dass die gelebte religiöse Vielfalt und das interreligiöse Engagement so vieler Menschen in Deutschland noch sichtbarer und geschätzter werden.
Haben Sie ein Herzensanliegen für den Dialog der Religionen in Deutschland?
Oumaima Soukrat: Ich wünsche mir, dass diese Gespräche auf Augenhöhe geführt werden und nicht um andere von der eigenen Wahrheit zu überzeugen. Im Koran steht ganz klar, dass es keinen Zwang im Glauben gibt und dass wir vielfältig erschaffen wurden, auf dass wir von- und miteinander lernen. Ich wünsche mir noch mehr interreligiöse Räume, in denen eine solche Grundatmosphäre etabliert ist und wohlwollende, motivierte und kreative Personen federführend sind.
Laura Schäfer: Interreligiöser Dialog kann ein Erlebnisraum sein, wo zu spüren ist, wie Religion und religiöse Vielfalt so gelebt werden, dass sie das Zusammenleben verbessern. Ob durch Gemeinschaft, Bildungsmomente, Sport, Spiritualität, Aktivismus, Kunst oder Essen – ich wünsche mir, dass Menschen Dialog erleben, der Lust auf mehr macht und der Hoffnung stärkt.
Vielen herzlichen Dank für die persönlichen Einblicke und die kurze Vorstellung! Ihnen beiden wünschen wir alles erdenklich Gute für das weitere Ankommen und Einarbeiten in das Projekt WDWIB. Wie schön, dass Sie das Team in der Ökumenischen Centrale bereichern!
