„Das Erbe des Nonkonformismus – Von der Reformation zur Moderne“

Andrea Strübind (Oldenburg) und Martin Rothkegel (Elstal), Foto: GfTP

(14.10.2015) Vom 09.-11.10.2015 veranstaltete die Gesellschaft für freikirchliche Theologie und Publizistik an der Universität Oldenburg ein Symposium, das einen profilierten Beitrag aus „nonkonformistischer“ Perspektive zum anstehenden Reformationsjubiläum 2017 lieferte: Die in der Theologie Luthers und anderer Reformatoren angelegten Freiheitsimpulse seien nicht im staatskirchlichen Protestantismus, sondern erst in den nonkonformistischen (freikirchlichen) evangelischen Minderheiten, vor allem in England und Nordamerika, in freiheitliches und demokratisches Denken und Handeln umgesetzt worden. Mit dieser These bezogen die Veranstalter kritisch Stellung zu den von der EKD koordinierten Jubiläumsaktivitäten im Vorfeld von 2017, deren durchgehendes Leitmotiv der Zusammenhang von Reformation, Freiheit und Demokratie ist.

Nonkonformisten spielten maßgebliche Rolle

Andrea Strübind (Oldenburg) eröffnete die Tagung mit einem Vortrag über die maßgebliche Rolle, die Max Weber und Ernst Troeltsch, die Pioniere der deutschen Soziologie um 1900, den englischen und amerikanischen Nonkonformisten (Baptisten, Quäkern und Methodisten) an der Entstehung der modernen freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft zuschrieben. David Bebbington (Stirling, Schottland) zeigte auf, daß die Nonkonformisten oder „Dissenter“ im 17. und 19. Jahrhundert treibende Kraft der Liberalisierung und Demokratisierung der englischen Gesellschaft waren.  Martin Rothkegel (Elstal) erinnerte daran, Luther die Ableitung politischer Freiheitsforderungen aus der „Freiheit des Christenmenschen“ ausdrücklich ablehnt. Dagegen findet sich die politische Forderung nach uneingeschränkter Religionsfreiheit bereits bei den Täufern des 16. Jahrhunderts. Der erste moderne demokratische Staat wurde 1636 durch den (zeitweiligen) Baptisten  Roger Williams im nordamerikanischen Rhode Island gegründet. William Brackney (Acadia University, Kanada) machte auf den maßgeblichen Anteil von Quäkerinnen, Methodistinnen und Unitarierinnen an den Anfängen der Frauenemanzipation aufmerksam. Erich Geldbach (Marburg), Massimo Rubboli (Genua), Karl Heinz Voigt (Bremen) und weitere Referenten referierten über Religionsfreiheit, Abschaffung der Sklaverei, Pazifismus, Bildungs- und Lebensreform als Schwerpunkte des zivilgesellschaftlichen Engagements englischer und amerikanischer Freikirchen vor allem im 19. Jahrhundert. Die Verwurzelung des amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King Jr. in den Traditionen des nonkonformistischen Protestantismus beleuchtete abschließend Michael Haspel (Jena). In den Diskussionen wurde auf dem Symposium deutlich, dass der deutsche Baptismus dieses Erbe des Nonkonformismus nie angetreten hat. Die Thematik der Tagung wurde am Sonntag in der Predigt des ehemaligen Generalsekretärs des Ökumenischen Rats der Kirchen, Konrad Raiser (Berlin) über Römer 12,2 in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Oldenburg aufgenommen.

20 Jahre Gesellschaft für freikirchliche Theologie und Publizistik

Mit dem Symposium feierte die GfTP zugleich ihr 20-jähriges Bestehen. In der Mitgliederversammlung wurde unter der Leitung von Andrea Strübind (1. Vorsitzende) Irmgard Stanullo nach langjähriger Mitarbeit aus dem Vorstand verabschiedet. Neu gewählt wurden der freikirchliche Referent in der Ökumenischen Centrale, Bernd Densky, und Oliver Pilnei (Potsdam). Die Kasse wird weiterhin von Wolfgang Pfeiffer geführt.