Unter dem Titel „Inklusive versus exklusive Ekklesiologie – Wer gehört zur einen Kirche Jesu Christi / zum Leib Christi?“ beleuchtet die zweite Ausgabe des 75. Jubiläumsjahrganges die Spannung zwischen grenzenloser Einladung zur Nachfolge und der Notwendigkeit ekklesiologischer Abgrenzung.
Theologischer Diskurs: Einheit, Vielfalt und rote Linien
Die Herausgeber der Ökumenischen Rundschau betonen in ihrem Editorial:
„Auch wenn Jesus Christus mit seiner prophetischen Kraft kein Befürworter der Beliebigkeit war, richtet sich die Einladung zur Nachfolge des Herrn ausnahmslos an alle Menschen aller Zeiten. Diese Einladung gilt als grenzenlos – ist sie aber auch bedingungslos?“
Während einige Kirchen die Willkommensbotschaft des Evangeliums ekklesiologisch verankern und leben, ziehen andere Grenzen, um die Authentizität der Lehre zu schützen. Doch wo liegen die Grenzen des Christentums? Vertritt es einen radikalen Inklusivismus – oder haben Kirche und ökumenische Bewegung ihre unverhandelbaren Prinzipien?
Das vorliegende Heft setzt genau hier an: Es untersucht das Verhältnis von Inklusion und Exklusion, Einheit und Vielfalt, Rechtgläubigkeit und Denkbreite. Ekklesiologische Debatten stehen stets vor der Frage: Wer darf in der Kirche mitwirken, und wer wird – selbst unter Berufung auf theologische Argumente – ausgeschlossen?
Orthodoxie und Ökumene: Eine selbstkritische Perspektive
Pantelis Kalaitzidis und Nikolaos Asproulis (chalkedonensische Orthodoxie) hinterfragen in ihrem Beitrag die vorherrschende Vorstellung einer „Rückkehr-Ökumene“ – also der Idee, dass getrennte Kirchen zur ursprünglichen Einheit zurückkehren müssen. Sie plädieren für mehr terminologische Offenheit und zeigen auf, wie die orthodoxe Theologie des Heiligen Geistes sowie die ostkirchliche Eschatologie zu einer inklusiveren Ekklesiologie beitragen könnten.
Einheit der Kirchen: Historisch-theologische Reflexion
Johannes Oeldemann gibt einen Überblick über die ekklesiologischen Arbeiten des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). Was bedeutet „volle“ oder „sichtbare Einheit“? Ist Gemeinschaft eine statische Größe – oder ein dynamischer Prozess? Oeldemann untersucht, wie dieser Wandel möglich ist und welche Rolle Inklusion dabei spielt.
Kirchenrecht und Zugehörigkeit: Philosophische und theologische Grenzen
Hendrik Munsonius analysiert aus kirchenrechtsphilosophischer und theologischer Sicht die Möglichkeiten und Grenzen von Zugehörigkeit und Ausschluss im kirchlichen Kontext. Welche Kriterien gelten für die Mitgliedschaft? Wo verlaufen die roten Linien?
Martin Luther King: Inklusion als strukturelle Herausforderung
Michael Haspel würdigt in seinem Beitrag die Versöhnungsbotschaft Martin Luther Kings. Dessen Kampf für eine inklusivere Gesellschaft basierte auf Gewaltfreiheit, Liebe und sozialer Gerechtigkeit – Prinzipien, die auch für die ekklesiologische Debatte über Inklusion und Exklusion von zentraler Bedeutung sind.
Feminismus und Kirche: Kritik an Machtstrukturen
Spyridoula Athanasopoulou-Kypriou (griechisch-orthodoxe Theologin) setzt sich in ihrem Aufsatz „Feminismus, Inklusion und die Kirche“ mit der Objektivierung von Menschen und Gott auseinander. Sie plädiert dafür, die menschliche Person – unabhängig von Geschlecht oder Herkunft – in den Mittelpunkt zu stellen und Machtansprüche zu hinterfragen.
Die Rubrik „Dokumente und Berichte“ bietet Einblicke in aktuelle ökumenische Entwicklungen:
- 35. AÖF/ERF-Konferenz (14.–16. November 2025, Missionsakademie Hamburg): Fokus auf ökumenische Perspektiven zu Migration und Diaspora.
- Appell „Nicht wieder Schweigen“: Gemeinsame Initiative von Kirchenvertreterinnen und Kirchenvertretern gegen Schweigen in Kriegszeiten.
- Erste Gemeinsame Erklärung von Papst Leo XIV. und Patriarch Bartholomaios.
- Aufruf der ACK Deutschland zu Dialog, Gebet und Solidarität in kriegerischen Konflikten.
- Predigt zur 60. Ökumenischen St. Ansgar-Vesper von Signe von Oettingen.
- Persönlicher Einblick von Peter Johanning in die ökumenische Öffnung der Neuapostolischen Kirche.
Der Beitrag von Michael Haspel „Versöhnte Gemeinschaft. Martin Luther Kings Theologie und Praxis der Versöhnung“ steht unter www.oekumenische-rundschau.de zum kostenlosen Download bereit.




