Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland - News Article
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So steht es um die Ökumene - ein Interview anlässlich 100 Jahre VEF

Elstal/Bensheim/Frankfurt a. Main, Dr. Verena Hammes ist Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und römisch-katholische Theologin. Dr. Lothar Triebel ist stellvertretender Leiter des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim (KI), arbeitet dort als Referent für Freikirchen und ist landeskirchlicher Pfarrer. Beide sind den VEF-Freikirchen herzlich und kritisch zugleich verbunden. Im Interview teilen sie ihre Einschätzungen und Erfahrungen, was sie an Freikirchen schätzen und was sie als herausfordernd empfinden.

Frau Hammes und Herr Triebel, wie sah Ihre erste Begegnung mit einer der VEF-Freikirchen aus?

Verena Hammes: Meine erste Begegnung mit einer VEF-Kirche fand während meiner Schulzeit mit der FeG-Gemeinde in meinem Heimatort statt. Zu dieser Zeit gründete sich die lokale ACK und ich hatte das Privileg, die Gründungsphase in einer Hausarbeit zu begleiten. Die FeG-Gemeinde habe ich als sehr offen, neugierig, interessiert und kommunikativ erlebt. Sie war und ist selbstverständlicher Teil der ACK meines Heimatortes.

Lothar Triebel: Die erste tiefe Begegnung mit Menschen aus einer Denomination, die auch in der VEF vertreten ist, war die mit einem US-amerikanischen mennonitischen Pastorenehepaar, das ich während meines Studiums in Jerusalem kennengelernt habe. Obwohl ich sie Jahre später als Vikar auch in den USA besucht habe, muss ich im Nachhinein sagen, dass ich damals nicht wirklich erfasst habe, was mennonitisches Christsein ist. Das habe ich Jahrzehnte später durch Menschen in der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden (AMG) als Freikirchenreferent lernen dürfen.

 

Welche Haltungen und Überzeugungen der VEF-Freikirchen fanden oder finden Sie bewundernswert? Welche eher befremdlich?

Lothar Triebel: Es sind unterschiedliche Haltungen in verschiedenen VEF-Mitgliedskirchen, und manches bewundere ich, obwohl ich selbst in Nuancen anders glaube, lebe und denke. Aber ich bin dankbar für die „Stachel im Fleisch“: Bei Baptist*innen und Adventisten bewundere ich unter anderem das Eintreten für die Religionsfreiheit, bei Methodisten das „Soziale Bekenntnis“ aufgrund des Willens zur Heiligung, bei Mennoniten den kreativen Pazifismus, bei den FeGs die theologische Elastizität, Gewissensentscheidungen in der Tauffrage respektieren zu können, bei Pfingstkirchen das Rechnen mit dem Wirken der Heiligen Geistkraft. Und überall die Liebe zur Bibel.

Befremdlich finde ich jede Art von Biblizismus und damit begründete Ab- und Ausgrenzungen in dogmatischen und ethischen Fragen. Aber das ist ein „Querschnittsthema”, das zwar unter anderem in Freikirchen vorkommt, aber viele Kirchen durchzieht und mancherorts auch in Landeskirchen auftritt.

Verena Hammes: Dem kann ich mich gut anschließen. Ich hätte noch die Betonung des eigenen Glaubens und das freie Gebet genannt, die mich faszinieren. Für mich als römisch-katholische Christin sind mir manche Frömmigkeitselemente zu emotional.

 

 

Kirchen rücken näher zusammen: Wie funktioniert oder gestaltet sich für Sie Einheit in Jesus Christus? Wo sehen Sie Grenzen?

Lothar Triebel: Leider spalten sich einige in unserer Zeit auch, siehe die United Methodist Church und vermutlich der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG). Umso schöner ist, dass wir quasi gleichzeitig 2024 die Erklärung zur Predigtgemeinschaft erreichen durften und diese an so vielen Orten praktizieren, dass die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) und der BEFG „Kirchengemeinschaft auf dem Weg“ erklärt haben und dass wir das Täuferjubiläum gemeinsam gestalten konnten. Grenzen der Ökumene tun sich überall dort auf, wo Menschen in Gesinnungsgemeinschaften (= Blasen!) leben wollen, statt Kirche Jesu Christi in ihrer Vielgestaltigkeit zu bejahen. Letzteres aber müssten eigentlich gerade die tun, die „Kirche nach dem Neuen Testament“ sein bzw. gestalten wollen, denn schon im Neuen Testament finden wir diese Vielgestaltigkeit, sowohl in der Form als auch in einigen theologischen und ethischen Inhalten.

Verena Hammes: Die Einheit in Jesus Christus gestaltet sich für mich überall da, wo wir uns gegenseitig als Glieder am Leib Christi anerkennen und wertschätzen, wo wir einander vertrauen, dass der oder die andere genauso Gott sucht wie ich, und wo wir einander in Liebe begegnen. Wo Misstrauen, Eifersucht, Eitelkeit und Missgunst herrschen, sind Grenzen des Miteinanders schnell erreicht.

 

Was können Freikirchen von den römisch-katholischen und den landeskirchlichen Geschwistern lernen?

Lothar Triebel: Römisch-katholisch wüsste ich, aber dafür ist ja Verena da ... Tatsächlich meine ich, dass im Moment die Lernchance hauptsächlich in umgekehrter Richtung besteht: Wie kann man (Landes-)Kirche in kleinen Zahlen, in der Dia-
spora und mit weniger gesellschaftlichem Einfluss gestalten? Was mich freut, ist, dass in manchen Freikirchen das Kirchenjahr wieder aufmerksamer gestaltet und bewusst wird, dass Liturgie kein Schimpfwort ist. Landeskirchliche und römisch-katholische akademische Theologie wäre unter der Maßgabe „Prüfet alles, und das Beste behaltet“ für noch mehr freikirchliche Theolog*innen einen Versuch wert.

Verena Hammes: Ich glaube auch, dass meine Kirche viel von den Freikirchen lernen kann, aber die Frage ist ja umgekehrt gemeint. Der weltweite Kirchenbezug, sich also als Weltkirche zu verstehen, das ist etwas Wunderbares und bewahrt durchaus vor national-verengten Zugängen. Außerdem liebe ich unsere liturgischen Feierformen, die Sicherheit und gemeinsames Gebet ermöglichen. Das fehlt mir zuweilen in individualistisch geprägten und freien Feierformen.

 

Kirche und Glaube sind gesellschaftlich im Schwinden: Welche Akzente können Bistümer bzw. Landes- und Freikirchen gemeinsam setzen, damit der Glaube an Jesus Christus präsenter wird?

Verena Hammes: Die Charta Oecumenica ernst nehmen! Nicht das Gemeinsame wird begründungspflichtig, sondern das, was wir nicht gemeinsam tun. Auf Augenhöhe miteinander kommunizieren trotz der unterschiedlichen Ausgangssituationen und Ressourcenfragen – und, ganz wichtig: Vorurteile abbauen, die immer noch in den Köpfen einzelner Geschwister (auf beiden Seiten) vorhanden sind.

Lothar Triebel: Zuallererst eben das: Dinge gemeinsam tun, sowohl inner- bzw. interkirchlich als auch in der Öffentlichkeit. Dabei sollten die Kirchen in der öffentlichen Verkündigung (z. B. in den sogenannten „Sozialen Medien“, aber auch in althergebrachten Formaten wie Radio, Plakate und Festzeltpredigten) ordentliche Theologie präsentieren und auf keiner Seite vom Pferd fallen – weder mit einer reinen „Jesulogie“ noch mit einer Absehung von der zweiten Person der Trinität. Karfreitag und Ostern einerseits, Pfingsten andererseits müssten in ihrer kirchlichen Ausgestaltung mindestens so stark wie Weihnachten werden. Notwendige Abgrenzungen von extremen Ausformungen im christlichen Lager sollten gemeinsam oder zumindest abgestimmt erfolgen.

 

Was sollten Freikirchen Ihrer Meinung nach auf keinen Fall preisgeben? Wo sollten sie aufgeschlossener werden?

Lothar Triebel: Nicht aufgeben sollten sie das intensive Bibellesen, das hohe Maß an Ehrenamtlichkeit und die Furchtlosigkeit der „kleinen Herde“ (Lukas 12,32). Die zweite Frage ist weder so pauschal für Freikirchen allgemein zu beantworten, noch hielte ich es für hilfreich, solches in der Öffentlichkeit zu tun.

Verena Hammes: Damit hat Lothar alles gesagt.

 

Bei 100 oder 150 Jahren Kirchengeschichte lächeln römisch-katholische und landeskirchliche Christinnen und Christen nur müde. Inwiefern fordern uns neue Gemeinde- oder Kirchenströmungen heraus? Welche Verhaltensweisen sind da förderlich oder eher hinderlich?

Lothar Triebel: Die mennonitischen Ausformungen des Christentums haben ihre Wurzeln ebenfalls in der Reformationszeit, die Baptisten gibt es schon seit 1609. Viel wichtiger aber ist: Alle Christ*innen haben eine zweitausendjährige Tradition, egal, wann ihre spezifische Ausformung entstanden ist. Es hat immer Neuaufbrüche gegeben, und das ist gut so. Ob es dabei immer zu neuen Organisationen kommen muss, steht auf einem anderen Blatt. Solche Aufbrüche fordern uns mal dadurch heraus, dass sie uns noch deutlicher zeigen, was bei uns nicht mehr gut funktioniert, als wir eh schon ahnten. Ein andermal dadurch, dass wir umso stärker beim „Unsrigen“ bleiben, weil wir es für theologisch richtiger, den Menschen dienlicher halten als das, was wir in manchem „Aufbruch“ sehen, der möglicherweise uralten, nicht mehr genießbaren Wein in neuen Schläuchen verpackt.

Verena Hammes: Wir alle sind Kirche Jesu Christi und haben damit eine über zweitausendjährige Geschichte. Die Kirche war immer eine, die sich wandelt. Der Heilige Geist hat ihr immer wieder neue Wege gezeigt. Wie und ob und wer diesen dann gefolgt ist, steht auf einem anderen Blatt. 

 

Welche Vorbehalte oder Schubladen begegnen Ihnen typischerweise, wenn Personen die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) oder das Konfessionskundliche Institut (KI) in Bensheim um Rat oder eine Einschätzung zu „Freikirchen“ bitten?

Lothar Triebel: Bei Beratungsanfragen zu Freikirchen gibt es die ganze Breite: Von „Ist NN nicht eine Sekte?”, bis hin zu: „Wir möchten mit NN bei Projekt X zusammenarbeiten: Gibt es dafür bereits Vorlagen, sodass wir das Rad nicht von Neuem erfinden müssen?” Leider werden Freikirchen und Evangelikalismus häufig in eins gesetzt und Freikirchen grundsätzlich als queerfeindlich eingestuft. Häufig werden alle Freikirchen durch die Brille dessen gesehen, was man meint, durch skandalisierende Berichterstattung über einzelne freikirchliche Gemeinden gelernt zu haben. Auch werden VEF-Mitgliedskirchen für Dinge verantwortlich gemacht, die in Gemeinden geschehen, die gar nicht zu ihnen gehören. Soweit sie Weltkirchen sind, wird selten beachtet, dass deren deutsche Teile zumeist progressiver sind als die in vielen anderen Ländern.

Verena Hammes: Ich stimme Lothar zu. Und nehme gerne noch die aktuelle Herausforderung mit hinein, dass Freikirchen pauschal (auch durch undifferenzierte Berichterstattung) gerne politisch am rechten Rand verortet werden. Außerdem hatten wir in Corona-Zeiten ein hohes Maß an Nachfragen aufgrund einiger Corona-Hotspots in sogenannten „Freikirchen“. Da merkt man, dass der Begriff nicht geschützt ist.

 

VEF, was ist das? Wie würde Sie Mitgliedern Ihrer Heimatkirchen Funktion und Bedeutung dieser Organisation in drei bis fünf Sätzen erklären?

Lothar Triebel: Die VEF ist der einzige Dachverband von Freikirchen in Deutschland, dem gleichwohl nicht alle deutschen Freikirchen angehören; insbesondere das „russlanddeutsche“ Freikirchentum ist hier kaum vertreten. Als Zweckverband gegründet, ist die VEF längst zu einer ökumenisch wirksamen Organisation geworden, in der Kirchen sehr unterschiedlicher Traditionen miteinander verbunden sind. In ihr sind Kirchen organisiert, die in voller Kirchengemeinschaft mit den Landeskirchen stehen, und solche, bei denen das bis auf Weiteres undenkbar scheint. Die VEF leistet ihren Mitgliedskirchen und deren Gemeinden Dienste, die sie allein teils gar nicht, teils nur unter viel höherem Aufwand erledigen könnten. Zu den Gemeinden der Mitgliedskirchen gehören rund 270.000 Mitglieder, zu denen in den meisten Fällen Kinder und Jugendliche sowie ständige Gäste bzw. Freunde zu addieren sind, sodass insgesamt ca. eine halbe Million Menschen durch die Kirchen der VEF erreicht werden. 

Verena Hammes: Die Antwort verstehen auch römisch-katholische Christinnen und Christen.

Was wünschen Sie der VEF und den verbundenen Freikirchen für die nächsten 50 oder 100 Jahre? 

Verena Hammes: Freude an der Vielfalt, Spaß am gegenseitigen Kennenlernen und eine gesunde Prise Humor, damit man sich als Kirche nicht selbst zu ernst nimmt – und immer den Mut, dem Weg des Heiligen Geistes unerschrocken zu folgen.

Lothar Triebel: Dass sie aufgrund der Erfüllung biblischer Hoffnungen auf die Vollendung des Gottesreichs nicht noch 50 oder gar 100 Jahre existieren müssen. Falls doch: Eine dem Leben langfristig dienliche Balance zwischen Tradition und Innovation, unter anderem zwischen Johann Sebastian Bachs Art, Gott zu preisen, und modernen Lobpreisformen.

Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Antworten!

Das Interview führte Artur Wiebe.