Der Alte Botanische Garten der Philipps-Universität Marburg wurde dabei zum besonderen Erfahrungs- und Lernort. Die Vielfalt der Pflanzenwelt machte unmittelbar erfahrbar, dass das diesjährige Motto die Weite und Schönheit der Schöpfung ebenso wie ihre Verletzlichkeit und die Begrenztheit des Menschen ins Bewusstsein rücken will.. Der Tag führte anschließend zum ökumenischen Gottesdienst in die Elisabethkirche und zum weiteren Programm ins KA.RE Marburg.
Vom Wahrnehmen zum Verstehen und Handeln
Im ökumenischen Gottesdienst stellte der vormalige ACK-Vorsitzende und orthodoxe Erzpriester Radu Constantin Miron in seiner Predigt die geistliche Dimension des Schöpfungsgedankens in den Mittelpunkt. „Der Tag der Schöpfung erwartet einen besonderen Akt des Denkens von uns“ – dies verband er mit einer Einladung zu einer veränderten Wahrnehmung: „Es geht darum, vom Sehen, von der Wahrnehmung also, zum Schauen, zum Verstehen, und bestenfalls auch zum Handeln zu kommen.“
Die Schöpfung sei dabei nicht bloß die uns umgebende Natur, sondern eine Wirklichkeit, die tief mit Gott verbunden ist. In Anlehnung an einen bekannten Kirchenvater des Ostens, den hl. Maximus, beschrieb Miron das Universum als einen großen mystischen Raum, in dem Himmel und Erde, Geist und Materie eine Einheit bilden. Daraus erwachse für den Menschen eine besondere Verantwortung, als „Priester der Schöpfung“ zu handeln und die Harmonie, Bewegung und Liebe der Schöpfung zu Gott zurückzubringen.
Damit wurde das Leitwort des Tages zu einer persönlichen Frage: Was sehen wir, wenn wir die Welt betrachten – und was erkennen wir, wenn wir wirklich schauen?
„Schöpfung bedeutet Beziehung“
An dem sich an den Gottesdienst anschließenden moderierten Gespräch nahm neben dem Oberbürgermeister der Stadt Marburg, Dr. Thomas Spies und dem Präsidenten der Philipps-Universität, Prof. Dr. Thomas Nauss, auch die EKD-Beauftragte für Schöpfungsverantwortung, Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt, teil. Sie betonte die Verbindung von geistlicher Wahrnehmung, Verantwortung und konkretem Handeln:
„Der Ökumenische Tag der Schöpfung macht uns bewusst, wie weit, wie verletzlich und wie wunderbar Gottes Erde ist. Zugleich erinnert er daran, dass Schöpfung Beziehung bedeutet: Wir sind Teil eines großen, von Gott gehaltenen Lebensraums, den wir miteinander schützen und gestalten. Als Kirchen wollen wir diese spirituelle, geistliche Perspektive stärken – indem wir die Schönheit der Schöpfung Gottes würdigen, ihre Gefährdungen klar benennen und gemeinsam Schritte gehen, die dem Leben dienen.“
Damit schlug Kühnbaum-Schmidt zugleich die Brücke vom Staunen über die Schöpfung zur Verantwortung für ihre Zukunft. Die Bewahrung der Schöpfung brauche beides: die Fähigkeit, ihre Schönheit wahrzunehmen, und die Bereitschaft, ihre Gefährdungen klar zu benennen.
„Wir haben über die Schöpfung gesprochen, sie bestaunt und gefeiert“
Der Vorsitzende der ACK in Deutschland, Reverend Christopher Easthill, zeigte sich zufrieden mit dem Verlauf der zentralen Feier des Ökumenischen Tags der Schöpfung. Der Tag habe unterschiedliche Zugänge zur Schöpfung miteinander verbunden – von der unmittelbaren Erfahrung im Alten Botanischen Garten über die gemeinsame Feier des Gottesdienstes bis hin zur Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung.
Easthill zog während des Empfangs, der den Abschluss des Tages bildete, ein positives Resümee: „Wir haben über die Schöpfung gesprochen, sie zuvor im Alten Botanischen Garten bestaunt und im Gottesdienst gefeiert, eben über sie und unseren Einfluss nachgedacht – und jetzt dürfen wir auch gemeinsam feiern.“
Für Easthill zeigt sich darin die besondere Stärke des Ökumenischen Tags der Schöpfung: Schöpfungsverantwortung wird nicht allein als politische oder ökologische Aufgabe verstanden, sondern als gemeinsame geistliche Aufgabe der Kirchen und ihrer Mitglieder.
Der Ökumenische Tag der Schöpfung in Marburg hat damit unterschiedliche Dimensionen miteinander verbunden: sehen und staunen, schauen und verstehen, feiern und schließlich handeln. Die Schöpfungszeit lädt dazu ein, diesen Weg über den heutigen Tag hinaus weiterzugehen.
Zahlreiche dezentrale Veranstaltungen in der Schöpfungszeit
An vielen Orten Deutschlands werden in der Schöpfungszeit von 1. September bis zum 4. Oktober Ökumenische Tage der Schöpfung gefeiert. Dabei wird die Frage Gottes an Hiob „Hast du erkannt, wie weit die Erde ist?“ die Feiern prägen. Gott fordert Hiob damit nicht zu einer geografischen Vermessung der Welt auf, vielmehr geht es um die Grenzen menschlicher Wahrnehmung und um die Einsicht, dass der Mensch nicht Mittelpunkt und Maß aller Dinge ist.
Die Frage lädt dazu ein, neu wahrzunehmen, wie groß die Verantwortung des Menschen ist. Sie fordert dazu heraus, kritisch zu überprüfen, ob bei Entscheidungen tatsächlich alle ökologischen und sozialen Folgen des eigenen Handelns in den Blick genommen werden.
Wer sich dieser Frage stellt, kann Wege zum Handeln finden. Und wer sich von ihr berühren lässt, kann aus dem Vertrauen auf eine von Gott eröffnete Zukunft den Mut gewinnen, Verantwortung zu übernehmen.
Im nächsten Jahr findet die bundesweite Feier des Ökumenischen Tags der Schöpfung am 3. September 2027 in Hamburg statt.




